Moritz Illner//Markus Christ

Künstler

Moritz Illner//Markus Christ, Augsburg
SCHNITT / Samstag, 22.11. um 21.00/ 1. OG ERKERZIMMER

S C H N I T T ist eine installative Soundperformance der beiden Augsburger Klangkünstler Moritz Illner und Markus Christ. Mit E-Gitarre, Trompete, Effektgeräten und Schlagzeug werden behutsame bis harsche Soundversatzstücke improvisiert und gleichzeitig auf höchst unkonventionelle Art zu einer eindrucksvollen „Wall of Sound“ verdichtet. Ausgehend von einem Loop-Prinzip fräst Moritz Illner die von Markus Christ erzeugten Töne, Geräusche und Harmonien live mit einer Schallplatten-Schneidemaschine in Vinyl. Der so entstandene Tonträger fließt anschließend, von einem Plattenspieler abgespielt, als zusätzliche Tonspur in den Konzertprozess mit ein. Hierin unterstützt er – quasi als weiterer, virtueller Musiker – das fortlaufende Spiel des studierten Trompeters/Gitarristen Christ. Nachdem deren klangliche Interaktion ebenfalls auf Vinyl gebannt wurde, wird auch dieser zweite Tonträger abgespielt, kompositorisch integriert und erneut die Summe von Instrument und Mitschnitt aufgezeichnet. Dieses „Over-Dub“-Schema wird von Mastering Engineer Illner so lange weiterverfolgt, bis die entstanden Klangarchitekturen ihren atmosphärischen Höhepunkt erreicht haben. Mit einem gleichermaßen furiosen wie reduzierten Schlagzeug-Set endet die Performance abrupt. Die teilweise nur sekundenlang bespielten Vinylrohlinge werden zuletzt ans Publikum verschenkt.Stilistisch arbeiten sich Christ und Illner von einem zurückhaltenden Beginn zu einem komplexen Finale vor. Dessen Vorstufen sind bei maximaler Intensität stets so subtil wie vertrackt. Ihre repetitiven Soundschleifen erinnern an Free Jazz, sind an Noise und Industrial geschult und von Musique concrète wie auch von Minimal Music beeinflusst. Markus Christs virtuos-souveränes Agieren lässt ihn dabei weit aus der breiten Masse „genialer Dilettanten“ – an denen die elektronische Experimental- und Improwelt bekanntermaßen nicht gerade arm ist – herausragen. Das Besondere, der heimliche Star des Auftritts, ist jedoch die Vinyl-Fräse Illners. Mit ihrer Zweckentfremdung wurde ein so auratischer wie analoger Weg gefunden, musikalische Waghalsigkeit und Konzeptkunst zu vereinen. Ihr massiver, industrieller Anblick (Ist es eine Fabriknähmaschine? Ein Gerät zur Aluminiumbearbeitung?) gemahnt an eine Metallwerkstatt und wirkt sowohl auf Konzertbühnen wie auch in Galerie-White-Cubes angenehm irritierend. Mit Hilfe der Maschine schaffen es Christ und Illner insofern, den Begriff „Kunsthandwerk“ in zwei Hälften zu „cutten“, als dass S C H N I T T die Produktion von „Kunst“ im wahrsten Sinne wörtlich nimmt. Jenseits von nerdigem Spezialistentum, aber auch ohne Rückgriff auf männliches Instrumentalgeprotze lässt der eine beim Schneiden der Platten lustig die warmen, schwarzen Plastikhobelspäne fliegen, während der andere sich leidenschaftlich die Finger wund spielt. Ein ganzer Produktionsablauf (Spielen, Aufnehmen, Vervielfältigen) wird en miniature so plastisch dargestellt – man möchte am liebsten hinfassen, eingreifen und mitmachen. Der Entstehungsprozess von Musik wird hier nicht nur zu einer auditiven, sondern beinahe auch zu einer haptischen Erfahrung. Gleichzeitig hinterfragt die Performance im besten Benjaminschen Sinne die Wirkungsstrategien von Aura und Authentizität. Lässt sich die Magie des Augenblicks auf einer der sechs während der Show entstandenen (kopierbaren) Schallplatten festhalten? Ist die Aura dieser Performance nun also doch reproduzierbar? Und wenn nicht: Wieso ist dann die Vervielfältigung eines kurzen, inten-siven Moments gerade die (technische) Vorraussetzung für das Gelingen von SCHNITT ?Die entstandenen Tonträger sind glei-chermaßen Unikate wie Bootlegs. Sie sind genauso Kunstweltartefakte, wie sie auch Verweise auf die vergangene, oftmals illegale Praxis des Mitschnei-dens von Rock- und Popkonzerten sind. Sie sind so einzigartig, wie sie in ihrer Multiplizierung wertlos bzw. zur Ware oder gar zum Fetisch werden würden. Nicht nur auf material- ästhetischer Ebene schreibt sich SCHNITT deshalb ein in die aktuellen Diskussionen um die Vervielfältigung von Musik, um Urheberrechte und das un-/nötige Horten von un-/erlaubten Musikformaten. 

 

CV: 

Moritz Illner
Geb. 1972
1986 Erste Gehversuche: Umbau eines Röhrenradios in einen Gitarrenverstärker
1997-1998: Studium der Elektrotechnik
1998-1999 Ausbildung zum Tontechniker (SAE)
1999-2001 Ausbildung zum Kaufmann für audivisuelle Medeien (records.de)
seit 2002 Master Engineer bei duophonic Produzent u.a. für Fräulein Brecheisen, NICHTS
2013 Labelmitbetreiber von In gute Hände

Markus Christ
Geb. 1975
Trompeter und Flügelhornist in der Heimat-Blaskapelle Bleichern
Unterricht bei Sigfried Ratz (Trompete, Stadttheater Augsburg)
1992 Musikstudium am Leopold-Mozart-Konservatorium Augsburg
Staatlich geprüfter Musiklehrer, zahlreiche Bands (Stagnation's End) und Kitty Empire und weitere Formationen (KAZZ, Der Herr Polaris, Antifun Orcehstra, Carpet, Me)